Gulbiena – eine maltesische Weihnachtstradition aus keimenden Samen
Wenn Sie Malta in der Weihnachtszeit besuchen, fällt Ihnen wahrscheinlich eine ungewöhnliche weiße Dekoration auf, die an eine Pflanze erinnert und rund um Krippen, auf Fensterbänken oder in Kirchen zu sehen ist. Die Einheimischen nennen sie Gulbiena. Gulbiena (häufig auch als ġulbiena geschrieben) ist weder eine eigenständige Pflanze noch eine botanische Art. Der Begriff bezeichnet eine Weihnachtsdekoration aus keimenden Hülsenfrüchtesamen, die im Dunkeln gezogen werden.
Gerade das Fehlen von Licht sorgt dafür, dass die Keimlinge lang, dünn und weiß bleiben, ohne grüne Färbung. Das Ergebnis ist eine faserige, helle Masse, die an Wurzeln oder feine weiße Haare erinnert und ausschließlich zu dekorativen Zwecken verwendet wird. Gulbiena ist nicht zum Verzehr bestimmt und hat keine praktische landwirtschaftliche Nutzung.
Der Anbau von Gulbiena ist einfach und findet traditionell im Rahmen von Schulaktivitäten oder im häuslichen Umfeld während der Adventszeit statt. Die Samen werden zunächst eingeweicht und anschließend auf einen feuchten Untergrund ausgebreitet, meist auf Watte oder ein Tuch. Das Gefäß wird an einem dunklen Ort aufgestellt, wo die Keimlinge keinen Zugang zu Licht haben.
Der gesamte Prozess dauert etwa drei bis fünf Wochen. Deshalb beginnt man mit dem Anbau Ende November oder Anfang Dezember, damit die Gulbiena zu den Weihnachtstagen fertig ist. Während des Wachstums muss die Feuchtigkeit aufrechterhalten werden, da die Keimlinge sonst austrocknen.
Gulbiena und Weihnachten auf Malta: Ursprung und Bedeutung
Gulbiena ist eng mit der maltesischen Tradition des Krippenbaus (presepju) verbunden, der in der lokalen Weihnachtskultur eine zentrale Rolle spielt. Krippen werden auf Malta nicht als bloße Ergänzung wahrgenommen, sondern als zentrales visuelles und symbolisches Element der Weihnachtszeit.
Die weiße Gulbiena wird traditionell rund um die Krippe platziert, insbesondere in der Nähe der Jesuskindfigur. Sie dient dazu, die Szene zu beleben und einen Kontrast zwischen den Figuren, der Landschaft und dem Licht zu schaffen. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass Gulbiena ursprünglich eine klar definierte religiöse Bedeutung hatte oder Teil der offiziellen Liturgie war.
In modernen Beschreibungen wird Gulbiena häufig symbolisch als Sinnbild für die Suche nach Licht in der Dunkelheit oder als Metapher für Hoffnung und Glauben interpretiert. Diese Deutungen sind im christlichen Kontext von Weihnachten nachvollziehbar, es ist jedoch wichtig zu betonen, dass es sich dabei eher um spätere Interpretationen als um historisch belegte Bedeutungen handelt.
Gerade durch ihre Unauffälligkeit und Einfachheit bringt Gulbiena den Charakter traditioneller maltesischer Weihnachten gut zum Ausdruck. Sie ist kein prunkvolles Symbol, sondern ein kleines Detail, das häusliches Umfeld, Glauben und die Kontinuität von Bräuchen miteinander verbindet. Auch ohne eindeutig dokumentierten Ursprung bleibt Gulbiena Teil des kulturellen Gedächtnisses der Insel und eines der kleinen Elemente, die maltesische Weihnachten von denen in anderen Teilen Europas unterscheiden.
