Malta mit Kinderwagen: Realität der Gehwege und Barrierefreiheit
Als ich mit einem sechs Monate alten Baby von Spanien nach Malta zog, hatte ich ein ziemlich idyllisches Bild im Kopf. Spaziergänge, das Meer, Cafés und ein langsameres Lebenstempo. Die Realität holte mich jedoch sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück – nicht wegen der Menschen oder des Klimas, sondern wegen der alltäglichen Fußgängerinfrastruktur abseits der touristischen Promenaden.
Ein Kinderwagen – ebenso wie ein Rollstuhl oder ein Gehstock – ist ein guter Lackmustest für Barrierefreiheit. Was ein Mensch ohne Mobilitätseinschränkungen problemlos umgehen oder einfach ignorieren kann, wird in diesen Situationen zu einem alltäglichen Hindernis. Es handelt sich nicht um seltene Ausnahmen, sondern um einen normalen Teil der Fortbewegung.
Mit dem Kinderwagen auf Maltas Gehwegen: eine Herausforderung für sich
Die Gehwege sind häufig schmal, unterbrochen und voller Hindernisse. Ein Abschnitt kann plötzlich enden, gefolgt von einer Stufe, einer erhöhten Haustürschwelle oder einem starken Gefälle. Ein Ausweichen ist meist nicht möglich – es bleibt nur, den Kinderwagen zu kippen, auf die Fahrbahn auszuweichen oder eine völlig andere Route zu suchen.

Ein weiteres typisches Bild sind Müllsäcke, die auf dem Gehweg auf ihre Abholung warten. Für jemanden, der zu Fuß unterwegs ist, sind sie eine kleine Unannehmlichkeit. Für einen Kinderwagen können sie das Weiterkommen vollständig verhindern. Zwischen Hauswand und Fahrbahn bleibt schlicht kein Platz, ohne die eigene Sicherheit und die des Kindes zu riskieren.
Dazu kommen beschädigte Oberflächen, Laternen mitten auf dem Gehweg, gebrochene Entwässerungsrinnen und Pflastersteine, die sich heben oder absacken. Man muss ständig aufmerksam bleiben und richtet den Blick nicht auf die Umgebung, sondern auf jeden Meter unter den eigenen Füßen.
Meine Mutter brachte es auf den Punkt: Statt sich umzusehen, musste sie die ganze Zeit auf den Gehweg schauen, um nicht zu stolpern. Dabei hat sie selbst keinerlei Mobilitätseinschränkungen.
Mit dem Rollstuhl auf Malta: die Realität abseits der Hochglanzprospekte
Natürlich lässt sich die Nutzung eines Kinderwagens nicht mit der alltäglichen Erfahrung eines Menschen vergleichen, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Die Hindernisse, die ich durch Anheben oder Kippen des Kinderwagens oder durch ein kurzes Ausweichen auf die Fahrbahn überwinden konnte, zeigen jedoch, warum eine selbstständige Fortbewegung für Menschen mit eingeschränkter Mobilität erheblich schwieriger – und an manchen Orten vollständig unmöglich – ist.
Malta hat in den vergangenen Jahren Fortschritte bei der formalen Barrierefreiheit gemacht. Behörden, Krankenhäuser, Schulen und Teile der touristischen Infrastruktur verfügen über barrierefreie Eingänge, Rampen oder Aufzüge. Neue Wohnhäuser werden heute häufig mit einem Aufzug gebaut – allerdings erreicht man diesen oft erst über mehrere Stufen am Eingang. Auf dem Papier ist das Gebäude barrierefrei. In der Praxis sieht es häufig anders aus.
Es gibt auch empfohlene Routen, beispielsweise in Valletta, die als rollstuhlgerecht ausgewiesen werden. Das Problem beginnt jedoch nicht in den einzelnen Gebäuden – es beginnt dazwischen.
Die alltägliche Fußgängerinfrastruktur auf Malta ist nicht als zusammenhängendes, durchgängig nutzbares Wegenetz konzipiert. Das Problem beschränkt sich nicht auf Müllsäcke, parkende Autos oder andere Hindernisse, die theoretisch entfernt werden könnten. Viele Gehwege sind bereits aufgrund ihrer Bauweise für einen Rollstuhl ungeeignet. Ihre Breite verändert sich innerhalb weniger Meter, stellenweise werden sie so schmal, dass ein Rollstuhl nicht mehr hindurchpasst. Der verbleibende Platz wird häufig von einer Laterne, einem Pfosten oder einer nachträglich errichteten Stufe vor einem Hauseingang eingenommen.
Auch dort, wo ein Gehweg breit genug ist, kann man sich nicht darauf verlassen, dass er durchgängig weiterführt. Er kann sich über mehrere Dutzend Meter erstrecken und dann einfach auf der Fahrbahn enden – ohne abgesenkten Bordstein, Fußgängerüberweg oder sichere Möglichkeit, auf der anderen Straßenseite weiterzufahren. Es geht daher nicht nur um eine Unannehmlichkeit oder die Notwendigkeit eines Umwegs. Ein Mensch im Rollstuhl kann an einen Punkt gelangen, von dem aus weder ein sicheres Weiterkommen noch das Überqueren der Straße möglich ist.
Einige Promenaden, öffentliche Gebäude und touristische Sehenswürdigkeiten sind barrierefrei zugänglich. Häufig funktionieren sie jedoch nur als isolierte barrierefreie Abschnitte. Die entscheidende Frage bleibt, wie ein Mensch sie selbstständig erreichen kann und ob es anschließend möglich ist, den Weg fortzusetzen. Eine Rampe am Eingang oder ein Aufzug im Gebäude schaffen noch keine barrierefreie Stadt, wenn zwischen den einzelnen Orten keine zusammenhängende, befahrbare Verbindung besteht.
Verglichen mit der Fußgängerinfrastruktur, die viele Menschen aus anderen europäischen Ländern gewohnt sind, ist die selbstständige Fortbewegung im Rollstuhl in maltesischen Städten deutlich schwieriger. Das bedeutet nicht, dass Menschen im Rollstuhl Malta nicht besuchen können. Außerhalb einiger ausgewählter Abschnitte ist eine selbstständige Fortbewegung jedoch äußerst schwierig und an manchen Orten praktisch unmöglich. Ein Besuch erfordert daher eine sorgfältige Planung der Verkehrsmittel und der einzelnen Wege und in vielen Fällen auch die Unterstützung einer weiteren Person.
Malta kann im sozialen Sinne sehr inklusiv sein, weist bei der Inklusion im öffentlichen Raum jedoch erhebliche Defizite auf. Die Stadtplanung hat Fußgänger lange Zeit nicht ausreichend berücksichtigt – und Menschen mit eingeschränkter Mobilität sind davon am stärksten betroffen. Je weniger sichtbar sie im öffentlichen Raum sind, desto leichter lässt sich das Ausmaß des Problems übersehen und desto geringer ist der alltägliche Druck, etwas daran zu ändern.
Das bedeutet nicht, dass es unmöglich ist, sich auf Malta mit einem Kinderwagen oder Rollstuhl fortzubewegen. Malta ist jedoch ein Ort, an dem selbst ein gewöhnlicher Weg zum nächsten Geschäft zu einer Strecke werden kann, die im Voraus geplant werden muss. Solange Barrierefreiheit nur anhand der Rampe am Eingang und nicht anhand des gesamten Weges dorthin beurteilt wird, bleibt sie auf Malta häufig eher eine Angabe auf dem Papier als gelebte Realität.
