Dun Karm Psaila: Wie ein Priester die maltesische Sprache und Identität prägte
Viele nationale Dichter waren Rebellen ihrer Zeit — doch der maltesische war zugleich ein Priester.
Der Name Dun Karm Psaila ist heute überall auf Malta zu finden — auf Straßen, in Schulen, Museen und Lehrbüchern. Die Worte seiner Verse erklingen jeden Morgen aus den Stimmen der Kinder, bevor der Unterricht beginnt. Dennoch wissen außerhalb Maltas nur wenige wirklich, warum Dun Karm Psaila zu den wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Insel gehört. Seine Geschichte ist nicht nur die Biografie eines Dichters oder Priesters. Sie ist die Geschichte eines Kampfes um Sprache, Identität und die Zukunft einer kleinen Nation zwischen Großbritannien und Italien.
Warum die Sprache des Volkes auf Malta lange keinen Platz hatte
Ende des 19. Jahrhunderts stützte sich Malta auf zwei kulturelle Traditionen. Italienisch war die Sprache von Bildung, Literatur, Recht und Kirche — eine Tradition, die lange vor der Ankunft des Britischen Empire bestand. Englisch hingegen gewann zunehmend an Einfluss in Verwaltung und Schulen, insbesondere nach 1878, als eine britische Kommission empfahl, Italienisch als Hauptsprache der Verwaltung zu ersetzen.
Und Maltesisch? Es war die Sprache der Straße, des Zuhauses, der Freunde und der Familie. Lebendig, farbenreich, im Wandel — aber ohne einheitliche Rechtschreibung, ohne kodifizierte Grammatik und ohne gesellschaftliches Ansehen. Das Schreiben auf Maltesisch galt als zweitrangig und ungeeignet für Literatur oder intellektuelle Debatten. Und doch lebte gerade in dieser Sprache das, was Malta ausmachte: seine semitische Struktur, arabische Wurzeln, sizilianische und italienische Einflüsse sowie jahrhundertealte Geschichten und Traditionen.
Schon vor Dun Karm gab es einen Mann, der versuchte, diese Sprache aufzuwerten. Mikiel Anton Vassalli, bekannt als Missier il-Malti, der „Vater des Maltesischen“. Bereits an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert legte er die Grundlagen der modernen Grammatik und des Wortschatzes. Für seine Ansichten wurde er sowohl religiös als auch politisch verfolgt, und sein Werk entfaltete seine volle Wirkung erst ein Jahrhundert später. Er bereitete den Boden, auf dem Dun Karm aufbauen konnte.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brach auf Malta ein intensiver Sprachkonflikt aus. Die sogenannte language question — die Frage, ob sich Malta kulturell an Italien oder modernisierend an England orientieren sollte — spaltete die Gesellschaft politisch, religiös und sozial. Im Zentrum dieses Spannungsfeldes standen die Malteser selbst, die zu Hause eine Sprache sprachen, die weder in Schulen noch in Institutionen einen festen Platz hatte.
Wer Dun Karm Psaila war und warum er sich dem Maltesischen zuwandte
Dun Karm Psaila (1871–1961) wurde in Ħaż-Żebbuġ geboren, einer der ältesten Pfarrgemeinden der Insel, verbrachte jedoch einen großen Teil seines Studiums und seiner geistlichen Tätigkeit in Rabat.
Wie es unter Gebildeten seiner Zeit üblich war, schrieb er seine frühen Gedichte ausschließlich auf Italienisch. Seine Verse waren meditativ und tief in der katholischen literarischen Tradition verwurzelt.
Als Priester erlebte er jedoch täglich, dass Gebete, Katechismen und religiöse Texte auf Italienisch oder Latein gesprochen wurden — Sprachen, die viele Kinder und Erwachsene nicht vollständig verstanden. Die Gebete wurden korrekt, rhythmisch und auswendig gesprochen, doch ihr Inhalt blieb vielen unklar. Der Glaube war lebendig, aber die Sprache, in der er ausgedrückt wurde, war den Menschen fremd.
Dun Karm erkannte darin ein schmerzhaftes Paradox: Die Menschen beteten in einer Sprache, die nicht ihre eigene war. Es war nicht nur ein pastorales Problem, sondern auch ein kultureller Widerspruch. Maltesisch war die Sprache von Emotion, Zuhause und Identität seiner Gläubigen, hatte jedoch kaum Platz im religiösen Leben. Die kirchliche Praxis bevorzugte Italienisch und Latein und ließ das Maltesische außen vor.
Im Jahr 1912 veröffentlichte Dun Karm erstmals ein Gedicht auf Maltesisch, um seinen Gläubigen näher zu sein. Von da an entschied er sich, Literatur für die Menschen zu schaffen — in der Sprache, die ihnen gehörte.
Wie Dun Karm die maltesische Sprache aufwertete
Dun Karm wurde schnell zur bedeutendsten Stimme der entstehenden maltesischen Literatur. Seine Dichtung zeigte, dass eine Sprache, die als „ungeeignet für hohe Literatur“ galt, tiefgründige philosophische Gedanken tragen kann. Eines seiner wichtigsten Werke ist das Epos Il-Jien u lil hinn Minnu („Ich und das, was über mich hinausgeht“) — eine spirituelle und philosophische Suche zwischen Gebet und Reflexion, verwurzelt in der maltesischen Landschaft und christlichen Spiritualität.
Während Vassalli dem Maltesischen eine grammatische Struktur gab, verlieh Dun Karm ihm emotionalen und intellektuellen Raum und zeigte, dass diese Sprache auch komplexe und tiefgehende Gedanken ausdrücken kann. Seine Dichtung war spirituell, aber zugleich modern. Damit öffnete er dem Maltesischen die Türen zu Bildung, Literatur, Kultur — und schließlich auch zur Politik.
Im Jahr 1910 wurde zudem die Akkademja tal-Malti gegründet, eine Institution zur Förderung und Entwicklung der Sprache. Dun Karm wurde zu einer ihrer zentralen Persönlichkeiten und war an der Standardisierung von Rechtschreibung und Grammatik beteiligt. Seine Texte wurden zu Vorbildern für das moderne geschriebene Maltesisch.
Wie die maltesische Nationalhymne entstand
Dr. Albert Victor Laferla (1887–1947), damaliger Direktor der staatlichen Grundschulen und eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des maltesischen Bildungssystems in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gehörte zu den stärksten Befürwortern einer Modernisierung des Unterrichts. Er setzte sich für die Integration nationaler Inhalte in den Lehrplan und für die Förderung der maltesischen Sprache ein — zu einer Zeit, als Maltesisch im Unterricht nur eine untergeordnete Rolle spielte.
Als er von Robert Samut eine Melodie erhielt, die ursprünglich als musikalische Übung komponiert worden war, erkannte er darin ein ideales Lied für Kinder: eingängig, feierlich, aber nicht militärisch, und geeignet für schulische Zeremonien. Deshalb suchte er nach einem Text auf Maltesisch, der würdevoll, verständlich und geeignet war, die Beziehung der Kinder zu ihrer Sprache und ihrem Land zu stärken. So wandte er sich an Dun Karm Psaila. Auf diese Weise entstand die Schulhymne — nicht als staatliches Symbol, sondern als Lied, das die Kinder der ganzen Insel verbinden sollte.
Die Hymne erhielt während des Zweiten Weltkriegs (1941) offiziellen Status, als Malta unter schweren Bombardierungen stand und ein Symbol der Einheit benötigte. Seitdem gehört sie zu den stärksten Ausdrucksformen der maltesischen Identität.
Der Originaltext der maltesischen Hymne
Lil din l-art ħelwa, l-Omm li tatna isimha,
Ħares, Mulej, kif dejjem Int ħarist:
Ftakar li lilha bil-oħla dawl libbist.
Agħti, kbir Alla, id-dehen lil min jaħkimha,
Rodd il-ħniena lis-sid, saħħa ‚l-ħaddiem:
Seddaq il-għaqda fil-Maltin u s-sliem.
Deutsche Übersetzung (sinngemäß)
Die folgende Übersetzung gibt den Sinn des ursprünglichen maltesischen Textes wieder, nicht seine poetische Form.
Dieses süße Land, die Mutter, die uns ihren Namen gab,
beschütze es, Herr, so wie du es immer beschützt hast;
gedenke, dass du es mit dem schönsten Licht umhüllt hast.
Gib, großer Gott, Weisheit denen, die es regieren,
zeige Barmherzigkeit den Verantwortlichen und Kraft den Arbeitenden;
stärke die Einheit unter den Maltesern und bewahre den Frieden.
Warum maltesische Schulkinder die Hymne jeden Morgen singen
Jeden Morgen versammeln sich die Kinder in den maltesischen Schulen zur gemeinsamen „morning assembly“, bei der sie vor Unterrichtsbeginn die Worte Dun Karms singen. Ob in einer Halle, auf einem Flur oder im Klassenzimmer — es ist ein Moment, in dem die gesamte Schule gemeinsam einen Text in der Sprache spricht, die ihre nationale Identität mitgeprägt hat.
Im europäischen Kontext ist dies eine außergewöhnliche Tradition. In Ländern wie England, Frankreich, Polen, der Tschechischen Republik oder Spanien wird die Nationalhymne normalerweise nicht täglich in Schulen gesungen, sondern nur bei offiziellen Anlässen. Auf Malta hingegen ist die tägliche Hymne ein stiller, aber tief verwurzelter Bestandteil des Schulalltags.
Dun Karms Vermächtnis: Wie er die moderne maltesische Identität mitprägte
Im Jahr 1934 wurde Maltesisch erstmals zur Amtssprache des Staates — neben Englisch. Italienisch verlor seinen rechtlichen Status im Rahmen langfristiger Bestrebungen der britischen Kolonialverwaltung, seine dominante Rolle zu verringern. Auch das politische Klima spielte eine Rolle: Die Spannungen zwischen Großbritannien und Italien nahmen zu, während gleichzeitig der maltesische Nationalismus wuchs und Maltesisch als Ausdruck der eigenen Identität vorantrieb.
Dun Karm erlebte diesen Wandel im hohen Alter. Politisch trug er nicht direkt dazu bei, doch seine literarische Arbeit spielte eine entscheidende Rolle dabei, dass Maltesisch als geeignete Sprache für Bildung, Institutionen und Literatur wahrgenommen wurde.
Im Jahr 1956 wurde er zum ersten Nationaldichter Maltas ernannt. Als Malta 2004 der Europäischen Union beitrat, fand sein Lebenswerk eine symbolische Vollendung — Maltesisch wurde eine der Amtssprachen der EU und nahm dauerhaft seinen Platz in der europäischen Kulturlandschaft ein.
Dun Karm Psaila trug maßgeblich dazu bei, dass Maltesisch zur Sprache von Bildung, Literatur und staatlichen Institutionen wurde. Sein Werk spielte eine Schlüsselrolle in einer Zeit, in der Malta zwischen Italienisch, Englisch und seiner eigenen sprachlichen Identität wählen musste. Die Hymne ist nur eines der Ergebnisse dieser Arbeit, die das moderne Maltesisch prägte und seinen Platz im kulturellen Leben des Landes festigte.
Dun Karm Psaila starb am 13. Oktober 1961 im Alter von neunzig Jahren. Er ist auf dem Addolorata-Friedhof in Paola begraben, einer traditionellen Ruhestätte bedeutender maltesischer Persönlichkeiten.
