Verdala-Palast oberhalb des Buskett-Waldes auf Malta

L-Imnarja auf Malta: Wie sich das älteste Fest der Insel über sechs Jahrhunderte veränderte

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Die Sonne ist gerade untergegangen. Zwischen den Bäumen im Buskett leuchten die ersten Lichter auf, in der Luft liegt der Duft von gebratenem Kaninchen, und aus der Ferne ist Għana-Gesang zu hören. Familien breiten ihre Decken aus, Kinder laufen zwischen den Bäumen umher, und kaum jemand denkt darüber nach, dass die Tradition, die hier gerade gelebt wird, bereits mehrere Jahrhunderte alt ist.

Wer denselben Ort allerdings vor sechshundert Jahren besucht hätte, hätte nichts davon vorgefunden. Keine Picknickdecken. Keinen Buskett voller Menschen. Keine langen Schlangen, in denen die Besucher auf eine Portion Kaninchen warteten. Nicht einmal der Buskett selbst war damals das Zentrum der Feierlichkeiten.

Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte von L-Imnarja. Nicht nur als Geschichte eines einzelnen Festes, sondern als Geschichte einer Insel, die sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert hat. Und mit ihr veränderte sich auch ihr ältestes Fest.

Wie sich L-Imnarja im Laufe der Jahrhunderte veränderte

Wenn von historischen Traditionen die Rede ist, stellen wir uns oft vor, dass sie über Jahrhunderte hinweg immer auf dieselbe Weise begangen wurden. Als hätte irgendwann jemand die Regeln festgelegt und alle folgenden Generationen hätten sich einfach daran gehalten.

L-Imnarja ist genau das Gegenteil. In den mehr als sechs Jahrhunderten ihrer belegten Geschichte hat sie sich so oft verändert, dass Menschen aus verschiedenen Epochen das Fest vermutlich kaum wiedererkannt hätten. Ein mittelalterlicher Bauer hätte mit der heutigen Landwirtschaftsausstellung wenig anfangen können. Ein Ritter des Johanniterordens wäre beim Anblick Hunderter Familien überrascht gewesen, die im Buskett picknicken. Und heutige Besucher würden vergeblich nach manchen Traditionen suchen, die früher als besonders wichtig galten.

Trotzdem handelt es sich noch immer um dasselbe Fest. Wie ist das möglich? L-Imnarja hat nicht deshalb überlebt, weil sie sich nie veränderte. Sie überlebte gerade deshalb, weil sie sich verändern konnte. Jede Epoche der maltesischen Geschichte formte sie ein wenig um. Ihre Kontinuität wurde dabei jedoch nie unterbrochen.

Woher stammt der Name L-Imnarja und was bedeutet er?

Wenn heute der Name L-Imnarja fällt, denken nur wenige darüber nach, was er eigentlich bedeutet. Dabei verbirgt sich gerade in diesem Namen die erste Spur, die weit zurück in die Vergangenheit führt.

Die meisten Historiker sind sich einig, dass die Bezeichnung L-Imnarja vom romanischen Wort luminaria stammt, das Lichter oder Beleuchtung bedeutet. Auf den ersten Blick klingt das recht eindeutig. Trotzdem sind im Laufe der Zeit rund um dieses eine Wort erstaunlich viele Legenden entstanden. Vielleicht haben Sie bereits irgendwo gelesen, L-Imnarja sei ein Überbleibsel eines antiken römischen Lichterfestes. Oder Malta habe schon vor der Christianisierung die Sommersonnenwende mit Feuern und Fackeln gefeiert.

Das ist eine schöne Vorstellung, doch die Geschichtsschreibung ist vorsichtiger. Erhaltene Quellen aus dem 17. und 18. Jahrhundert berichten von der beleuchteten Stadt Mdina, von illuminierten Kirchen und bedeutenden öffentlichen Plätzen. Nach diesen Lichtern erhielt L-Imnarja ihren Namen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass damit eine ununterbrochene Tradition bis in die Römerzeit belegt wäre.

Historiker können den Namen mit dem Licht in Verbindung bringen. Sie können nachweisen, dass Beleuchtungen ein wichtiger Bestandteil des Festes waren. Und sie können darauf hinweisen, dass ähnliche Sommerfeste im gesamten Mittelmeerraum gefeiert wurden. Sie können jedoch nicht mit Sicherheit behaupten, dass die heutige L-Imnarja die direkte Fortsetzung eines bestimmten römischen Festes ist. Vielleicht macht gerade das ihre Geschichte noch interessanter: Statt einer einfachen Erzählung begegnet uns eine Tradition, die sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat.

Malta am Beginn des Sommers

Stellen Sie sich Malta vor sechshundert Jahren vor. Keine Ferienorte. Keine Hotels. Keine Autos auf dem Weg in den Buskett. Nur eine kleine Insel, deren Leben vor allem von der Landwirtschaft bestimmt wurde. Die meisten Menschen waren unmittelbar davon abhängig, was sie selbst anbauen konnten. Jede erfolgreiche Ernte entschied darüber, wie eine Familie in den kommenden Monaten leben würde.

Ende Juni war ein besonderer Zeitpunkt. Die Felder waren abgeerntet, die schwerste Arbeit lag hinter den Menschen, und für einen kurzen Moment konnten sie aufatmen. In diese Zeit fällt die älteste belegte Form von L-Imnarja – nicht als großes Festival und nicht als touristische Attraktion, sondern als Ruhepause nach Wochen harter Arbeit. Für einen mittelalterlichen Bauern bedeutete das Fest vor allem eines: Endlich war die Arbeit geschafft.

Das Christentum gibt dem Fest eine neue Bedeutung

Manchmal heißt es, das Christentum habe die alten Feste abgeschafft. Tatsächlich verlief diese Entwicklung häufig anders. Viel öfter übernahm es Zeitpunkte im Jahreslauf, die für die Menschen bereits eine besondere Bedeutung hatten, und gab ihnen einen neuen Inhalt.

Auf Malta wurde das Ende des Monats Juni mit dem Fest der Heiligen Petrus und Paulus verbunden. Für die Insel war das kein Zufall. Vor allem der heilige Paulus hatte für die Malteser eine außergewöhnliche Bedeutung. Die Überlieferung erzählt von seinem Schiffbruch auf Malta, der den Ausgangspunkt für eine der wichtigsten Geschichten des maltesischen Christentums bildet. Deshalb konzentrierten sich die Feierlichkeiten auf Mdina, Rabat und die Grotte des heiligen Paulus.

Wer damals im Buskett nach L-Imnarja gesucht hätte, wäre enttäuscht worden. Der Buskett war noch nicht der wichtigste Schauplatz der Feierlichkeiten. Das Herz des Festes schlug an anderen Orten – in den Straßen von Mdina, in Rabat, auf Saqqajja und rund um jene Stätten, die mit dem heiligen Paulus verbunden waren.

Als die Johanniter nach Malta kamen

Im Jahr 1530 erreichte eine Flotte Malta, die die Geschichte der Insel für immer verändern sollte. Der Johanniterorden, dessen Mitglieder auch als Malteserritter bekannt sind, erhielt Malta von Kaiser Karl V. Für die Insel begann damit eine neue Epoche – mit einer neuen Regierung, einem neuen Adel und neuen Gesetzen. Man könnte beinahe erwarten, dass mit ihnen auch neue Feste kamen. Doch das geschah nicht.

Jede neue Macht steht vor derselben Frage: Verbietet sie die bestehenden Traditionen, ersetzt sie diese durch ihre eigenen oder lässt sie alles unverändert? Die Johanniter entschieden sich offenbar für eine vierte Möglichkeit – sie ließen den Menschen ihre beliebten Bräuche und gaben ihnen nach und nach neue Inhalte.

Wie die Johanniter das Fest veränderten

Unter den Johannitern erhielt L-Imnarja zunehmend feste organisatorische Strukturen. Für die Rennen galten genau festgelegte Regeln. Die Sieger wurden mit feierlichen Preisen ausgezeichnet. Ort und Zeitpunkt der Wettkämpfe wurden öffentlich bekannt gegeben. Auch die Stadtverwaltung beteiligte sich an der Organisation.

Feste gehörten zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen Hunderte oder sogar Tausende Menschen an einem Ort zusammenkamen. Keine Herrschaft wollte eine solche Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen. L-Imnarja war nun nicht mehr nur ein Ruhetag nach der Ernte. Das Fest wurde zugleich zu einem öffentlichen Ereignis, bei dem sich Ordnung, Regeln und die Macht der neuen Herrscher demonstrieren ließen. Der Orden stellte sich dabei nicht gegen die Tradition – im Gegenteil, er wurde selbst ein Teil von ihr.

In dieser Zeit tauchte erstmals der Bandu auf.

Der Bandu: eine alte Tradition des Stadtausrufers

Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einem Platz in Mdina. Ein Stadtausrufer tritt vor die Menge und beginnt vorzulesen. Keine Geschichte und kein Gebet, sondern eine öffentliche Bekanntmachung. Heute erinnert der Bandu vor allem an eine alte Tradition. Vor einigen Jahrhunderten war seine Funktion jedoch eine ganz andere. Seine Worte hatten tatsächliches Gewicht: Sie verkündeten den Beginn der Feierlichkeiten, informierten über die Rennen, erinnerten an die geltenden Regeln und machten deutlich, dass hinter dem Ablauf des gesamten Festes eine offizielle Autorität stand.

Rennen und Palji: die ältesten Traditionen

Im Mittelalter und unter den Johannitern waren die Rennen keine folkloristische Attraktion. Sie waren Wettkampf, Prestige und öffentliches Schauspiel zugleich – und ein Fest ohne sie hätte seine feste Ordnung verloren.

Die Sieger erhielten nicht nur den Beifall der Menge. Auf sie warteten die Palji – festliche Preise, die mit Getreideähren und Weinblättern geschmückt waren. Auf den ersten Blick mag das wie eine unbedeutende Einzelheit wirken. Tatsächlich war es ein ausgesprochen schönes Symbol. Das Getreide erinnerte an die Ernte, der Wein an den Ertrag der Felder. Die öffentliche Preisverleihung verband das ländliche Leben mit der städtischen Verwaltung. So hörte L-Imnarja allmählich auf, nur ein Fest der Bauern zu sein, und entwickelte sich zu einem Fest der gesamten Gesellschaft.

Als das Kaninchen mehr als nur ein Kaninchen wurde

Heute ist L-Imnarja ohne Kaninchen kaum vorstellbar. Ende Juni werden in Restaurants auf ganz Malta Hunderte Portionen Fenkata zubereitet. Im Buskett liegt der Duft von in Wein und Knoblauch geschmortem Kaninchen in der Luft, Familien versammeln sich an langen Tischen, und kaum jemand zweifelt daran, dass dies das traditionellste Gericht des gesamten Festes ist. In den ältesten Beschreibungen von L-Imnarja spielt das Kaninchen jedoch noch keine Hauptrolle.

In den Chroniken aus der gesamten Zeit der Johanniterherrschaft ist vor allem von Lichtern, religiösen Zeremonien, Rennen, öffentlichen Bekanntmachungen und den Menschenmengen die Rede, die nach Rabat strömten. Zum Symbol von L-Imnarja wurde das Kaninchen erst wesentlich später. Und seine Geschichte ist weitaus komplizierter, als es zunächst scheint.

Wer Wildkaninchen jagen durfte

Gerade an dieser Stelle stieß ich bei der Lektüre historischer Studien mehrmals auf einen Widerspruch zwischen dem, was auf touristischen Websites häufig wiederholt wird, und dem, was sich anhand historischer Quellen tatsächlich belegen lässt.

Die Jagd auf Wildkaninchen war unter den Johannitern streng geregelt. Es gab Verbote, bei deren Missachtung hohe Strafen drohten. Für die einfache Vorstellung, es habe jedes Jahr genau einen einzigen Tag gegeben, an dem die Jagd erlaubt war, findet sich bislang keine eindeutige Bestätigung in historischen Dokumenten. Wichtiger als die Zahl der erlaubten Jagdtage ist jedoch eine andere Frage: Warum wollten die Menschen überhaupt Wildkaninchen jagen, wenn sie selbst Kaninchen halten konnten?

Die Antwort ist überraschend einfach: Hauskaninchen und Wildkaninchen waren nicht dasselbe. Ein Hauskaninchen war Eigentum. Wer sein eigenes Kaninchen schlachtete, verkleinerte damit zugleich seinen künftigen Zuchtbestand. Ein Wildkaninchen lieferte zusätzliches Fleisch. Historische Studien deuten außerdem darauf hin, dass manche Bauern ihre Hauskaninchenweibchen von wilden Rammlern decken ließen, um einen kräftigen Bestand zu erhalten. Die Grenze zwischen Haus- und Wildkaninchen war somit nicht so eindeutig, wie wir es uns heute vielleicht vorstellen.

Der Historiker Carmel Cassar betrachtet die Geschichte des Kaninchens nicht nur als gastronomische Tradition. Im Kern handelt sie davon, wem die Landschaft gehört. Der Johanniterorden legte nach und nach Gebiete fest, in denen die Jagd entweder verboten oder privilegierten Gruppen vorbehalten war. Für die Ritter war sie vor allem ein Sport. Für die Landbevölkerung bedeutete sie Nahrung – und bei einem Verstoß gegen die Jagdverbote drohte Gefängnis. Dieselbe Landschaft, aber zwei vollkommen unterschiedliche Welten.

Jede Herrschaft muss den Menschen deutlich machen, wer die Entscheidungen trifft. Manchmal errichtet sie Festungen, manchmal prägt sie neue Münzen – und manchmal bestimmt sie, wer jagen darf und wer nicht. Das Jagdrecht gehörte über Jahrhunderte hinweg zu den sichtbarsten Machtsymbolen im gesamten mittelalterlichen Europa. Es ging nicht nur um Fleisch. Es ging darum, wer das Recht hatte, die Landschaft und ihre Ressourcen zu nutzen.

Das 18. Jahrhundert: Wie der Buskett zum Zentrum von L-Imnarja wurde

Wenn Sie heute am 29. Juni einen beliebigen Malteser fragen würden, wo L-Imnarja gefeiert wird, käme die Antwort wahrscheinlich sofort: im Buskett. Das erscheint so selbstverständlich, dass die meisten Menschen nie darüber nachdenken, ob es schon immer so war. Doch das war es nicht.

Ich muss zugeben, dass mich gerade dieser Teil der Geschichte vermutlich am meisten überrascht hat. Lange ging ich automatisch davon aus, dass der Buskett schon immer das Zentrum der Feierlichkeiten gewesen sei. Die historischen Quellen erzählen jedoch eine weitaus interessantere Geschichte.

Die Johanniter ließen den weitläufigen Buskett als Teil des Jagdreviers rund um den Verdala-Palast anlegen. Auf Malta, wo natürliche Wälder äußerst selten sind, war dies ein außergewöhnlicher Ort. Es handelte sich nicht einfach um ein Stück Landschaft, sondern um ein Gebiet, das mit der gesellschaftlichen Elite und der Erholung der Großmeister verbunden war. Einige Jahrzehnte später versammelte sich dort die einfache Bevölkerung.

Historische Quellen zeigen, dass die Großmeister in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mehrere Verordnungen erließen, die das nächtliche Betreten des Buskett untersagten. Bei Verstößen drohten hohe Strafen. Das Wild, das Jagdrevier und der Besitz des Ordens mussten geschützt werden. Für die Johanniter war der Buskett weit mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Er war ein Symbol ihres gesellschaftlichen Ranges. Und dennoch strömten einige Jahrzehnte später gerade während L-Imnarja immer mehr Menschen hierher.

Warum sich die Feierlichkeiten in den Buskett verlagerten

Leider liefert uns die Geschichte keinen einzelnen Augenblick, in dem jemand entschieden hätte: Von heute an wird L-Imnarja im Buskett gefeiert. Ein solches Ereignis ist nicht überliefert. Stattdessen erkennen wir eine langsame Veränderung. In den Quellen des 18. Jahrhunderts finden sich immer häufiger Hinweise darauf, dass die Menschen nach den religiösen Zeremonien und öffentlichen Feierlichkeiten hierherkamen. Sie brachten Essen mit, sangen, ruhten sich aus und verbrachten den Abend im Buskett.

Es war keine plötzliche Revolution. Vielmehr verlagerte sich der Mittelpunkt des Festes still und allmählich.

Genau auf diese Weise entstehen Traditionen häufig – nicht durch eine einzige Entscheidung, sondern durch Hunderte kleine Entscheidungen gewöhnlicher Menschen. Eine Familie setzt sich unter einen Baum. Im folgenden Jahr kommt sie wieder. Die Nachbarn schließen sich ihr an. Und einige Generationen später hat jeder das Gefühl, es sei schon immer so gewesen.

Dafür gibt es auch eine sehr praktische Erklärung. Während sich die steinernen Straßen von Rabat und Mdina Ende Juni bereits am Vormittag stark aufheizen, gehört der Buskett zu den wenigen Orten Maltas, an denen Bäume selbst während der heißesten Jahreszeit angenehmen Schatten spenden. Für Familien, die nach der Ernte gemeinsam einen Tag im Freien verbringen wollten, war er daher vermutlich eine wesentlich naheliegendere Wahl als die aufgeheizte Stadt.

Schattiger Weg zwischen den Bäumen im Buskett-Wald auf Malta
Schatten unter Bäumen ist im maltesischen Sommer eine Seltenheit. Auch deshalb wurde der Buskett zu einem natürlichen Treffpunkt für gemeinsame Zusammenkünfte.

Der Buskett brachte etwas Neues in die Feierlichkeiten: Ruhe, Schatten, gemeinsame Mahlzeiten, lange Abende und Musik. Hier begann sich jenes Bild von L-Imnarja zu entwickeln, das uns heute am vertrautesten ist. Solange das Fest hauptsächlich mit Rabat und Mdina verbunden war, hatte es vor allem den Charakter eines religiösen und öffentlichen Ereignisses. Der Buskett wurde nach und nach auch zu einem Ort der Erholung und des geselligen Beisammenseins.

Wie die Briten L-Imnarja veränderten

Ende des 18. Jahrhunderts erlebte Malta einen weiteren tiefen Einschnitt. Im Jahr 1798 beendete Napoleon die Herrschaft der Johanniter, und nur zwei Jahre später geriet die Insel unter britische Verwaltung. Innerhalb weniger Jahrzehnte veränderte sich Malta beinahe bis zur Unkenntlichkeit. Neue Straßen, Häfen, Schulen und Behörden entstanden. Eine Sache blieb jedoch überraschend unverändert: L-Imnarja verschwand nicht.

Die Briten waren eine protestantische Kolonialmacht, die eine überwiegend katholische Insel verwaltete. Trotzdem versuchten sie nicht, eines der bedeutendsten katholischen Volksfeste abzuschaffen oder wesentlich einzuschränken. Stattdessen entwickelte sich L-Imnarja während der britischen Zeit weiter und erhielt durch die Landwirtschaftsausstellung eine neue Dimension.

Die Landwirtschaftsausstellung, die das Fest veränderte

Im Jahr 1854 fand im Buskett erstmals eine organisierte Landwirtschaftsausstellung statt. Sie war keine spontane Initiative einiger Bauern, sondern ein Projekt der damaligen Agricultural Society, deren Ziel es war, die maltesische Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Neben den volkstümlichen Traditionen erschien plötzlich etwas völlig Neues: Wettbewerbe um die besten Nutztiere, das beste Obst und Gemüse sowie weitere landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Auf den ersten Blick mag dies wie eine kleine Änderung im Festprogramm wirken. Tatsächlich bedeutete es jedoch einen grundlegenden Wandel. Bis dahin war L-Imnarja vor allem ein Fest zum Abschluss einer erfolgreichen Ernte gewesen. Die Briten machten daraus nach und nach auch einen Ort, an dem gezeigt werden konnte, wie ein moderner Landwirt arbeiten sollte. Nun wurde nicht mehr nur gefeiert, was die Felder hervorgebracht hatten. Auch Vergleiche, Bewertungen und der Austausch von Erfahrungen gewannen an Bedeutung.

Nicht alle waren davon begeistert.

Interessanterweise wurde auch diese Neuerung nicht sofort angenommen. Historische Quellen berichten, dass sich einige Tierhalter zunächst weigerten, ihre besten Tiere auszustellen. Sie fürchteten den bösen Blick – einen alten mediterranen Aberglauben, nach dem Neid oder übermäßige Bewunderung ein Tier krank machen oder sogar seinen Tod verursachen konnten. Auf der einen Seite stand die moderne britische Verwaltung, die Wettbewerb und Fortschritt fördern wollte. Auf der anderen standen die Züchter, die ihre besten Tiere nicht präsentierten, weil sie diese vor dem Neid ihrer Nachbarn schützen wollten.

Doch auch diesmal entstand kein Konflikt, aus dem eine Seite als Sieger hervorging. Stattdessen geschah etwas weitaus Interessanteres: Beide Welten verbanden sich allmählich miteinander. Die Landwirtschaftsausstellung wurde zu einem festen Bestandteil von L-Imnarja, und schon wenige Jahrzehnte später konnten sich nur noch wenige Menschen das Fest ohne sie vorstellen.

Ob Malta von den Johannitern oder den Briten regiert wurde – beide Herrschaftssysteme taten im Grunde etwas Ähnliches. Sie zerstörten das beliebte Volksfest nicht, sondern brachten Elemente ihrer eigenen Welt darin unter. Die Johanniter führten Organisation, Regeln, öffentliche Bekanntmachungen und die Inszenierung von Macht ein. Die britische Verwaltung fügte nach und nach landwirtschaftlichen Fortschritt, Wettbewerbe und Ausstellungen hinzu. L-Imnarja selbst blieb bestehen. Um ihren ursprünglichen Kern legten sich lediglich immer neue Schichten.

Vom Krieg zur Unabhängigkeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Malta noch immer eine überwiegend landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft. L-Imnarja bewahrte deshalb einen großen Teil ihres ursprünglichen Charakters. Im Buskett kamen Bauern zusammen, die Landwirtschaftsausstellung wurde weiterhin veranstaltet, die Rennen zogen Zuschauer an, und der abendliche Għana-Gesang blieb ein selbstverständlicher Bestandteil der Feierlichkeiten.

Dann jedoch kam ein Ereignis, das die gesamte Insel veränderte. Zwischen 1940 und 1943 gehörte Malta zu den am stärksten bombardierten Orten der Welt. Die Insel war einer langen Belagerung, Lebensmittelknappheit und täglichen Luftangriffen ausgesetzt. Unter solchen Bedingungen traten auch öffentliche Feste in den Hintergrund. Die historischen Quellen über L-Imnarja während des Krieges sind nicht besonders ausführlich. Es ist jedoch offensichtlich, dass das Fest in seiner traditionellen Form stark eingeschränkt war.

Nach dem Ende des Krieges verschwand L-Imnarja dennoch nicht.

Während Malta damit begann, seine Häuser, Häfen und seine Wirtschaft wiederaufzubauen, wurden auch die traditionellen Feierlichkeiten wiederbelebt. L-Imnarja hatte wechselnde Herrscher, Epidemien, Wirtschaftskrisen und eines der schwersten Kapitel der maltesischen Geschichte überstanden.

Als Malta am 21. September 1964 seine Unabhängigkeit erlangte, änderte sich weit mehr als nur die politische Ordnung des Landes. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten wurde die Insel nicht mehr von einer fremden Macht verwaltet. Auch für L-Imnarja war das von Bedeutung.

Über Jahrhunderte hatte sich das Fest unter fremder Herrschaft entwickelt. Nach 1964 änderte sich die Situation. Erstmals lag die weitere Entwicklung von L-Imnarja ausschließlich in den Händen der Malteser selbst. Das bedeutet nicht, dass sich das Fest plötzlich grundlegend wandelte – seine historischen Schichten blieben erhalten. Doch ihre Bedeutung veränderte sich. Was zuvor eine offizielle Feier unter der Schirmherrschaft einer fremden Regierung gewesen war, wurde allmählich zu einem Bestandteil des nationalen Kulturerbes und zu einem gesetzlichen Feiertag.

L-Imnarja heute

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte Malta tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Die Landwirtschaft verlor ihre Rolle als wichtigste Lebensgrundlage. Industrie, Dienstleistungen und später auch der Tourismus gewannen zunehmend an Bedeutung. Die Zahl der Menschen, die von der traditionellen Landwirtschaft lebten, ging nach und nach zurück.

Die Landwirtschaftsausstellung verschwand dennoch nicht. Der Grund dafür liegt in ihrer veränderten Funktion. Während sie im 19. Jahrhundert vor allem ein Ort war, an dem Landwirte ihre Erfahrungen austauschten, erinnert sie heute zugleich an das ländliche Malta und seine traditionelle Lebensweise.

Auch viele andere Bestandteile von L-Imnarja haben sich auf ähnliche Weise verändert. Die Rennen sind nicht mehr das wichtigste Sportereignis des Jahres, sondern eine historische Tradition. Għana ist längst nicht mehr die einzige Volksmusik, die Malteser hören, und doch erklingt sie weiterhin während L-Imnarja. Auch der Buskett dient schon lange nicht mehr als Jagdrevier der Großmeister. Er ist zu einem öffentlichen Park geworden, den die Menschen vor allem mit diesem Fest verbinden.

Tische und Sitzgelegenheiten unter den Bäumen im Buskett-Wald auf Malta.
Heute dient der Buskett als öffentlicher Ort für Erholung, Picknicks und gesellige Zusammenkünfte.

Warum L-Imnarja sechs Jahrhunderte überdauert hat

In der heutigen L-Imnarja bestehen viele historische Elemente nebeneinander: das christliche Fest der Heiligen Petrus und Paulus, die mittelalterliche Feier zum Ende der Ernte, die Rennen und der Bandu aus der Zeit der Johanniter, die britische Landwirtschaftsausstellung und ein modernes Kulturfestival.

L-Imnarja entwickelte sich zu einem der größten gesellschaftlichen Ereignisse Maltas. Ganze Familien aus verschiedenen Teilen der Insel kamen nach Rabat und später in den Buskett. Zu einer Zeit, als die meisten Menschen beinahe das ganze Jahr in ihrem eigenen Dorf verbrachten, boten solche Feste eine seltene Gelegenheit, mit einer größeren Gemeinschaft zusammenzukommen.

Für die meisten gewöhnlichen Menschen blieb L-Imnarja vor allem ein Tag, an dem die Familie zusammenkam. Ein Tag, an dem man sich nach Monaten harter Arbeit in den Schatten der Bäume setzen, gemeinsam singen und gut essen konnte. Und an dem man Nachbarn traf, die man während des restlichen Jahres meist nur bei der Arbeit auf den Feldern sah.

Vielleicht hat L-Imnarja gerade deshalb alle politischen Epochen überlebt. Nicht weil die Herrscher das Fest beschützten, sondern weil die Menschen selbst es bewahrten. Jede neue Macht fügte ihm etwas hinzu. Doch keine konnte ihm das Wichtigste nehmen – das Gefühl, dass Malta zumindest für einen Tag sich selbst gehörte.