Lehrer-Feedback auf Malta: Was Lehrkräfte wirklich meinen
Für viele Eltern auf Malta ist das schulische Bewertungssystem überraschend schwer zu verstehen – nicht nur wegen der Zahlen, sondern auch wegen der Art und Weise, wie Lehrkräfte darüber sprechen. Man sitzt beim Elternsprechtag, die Lehrkraft blättert durch ihre Notizen und sagt mit ruhiger Stimme: „Your child is doing quite well, but could benefit from more focus.“ Anschließend folgt: „In reading he currently has 11 out of 20.“
Man nickt zustimmend. In Wirklichkeit weiß man aber überhaupt nicht, ob das ein gutes Ergebnis ist oder ob Anlass zur Sorge besteht. Man weiß nicht, welchen Anteil diese 11 Punkte an der Gesamtbewertung im Bereich Reading haben und ob 11 Punkte dem Durchschnitt entsprechen oder eher ein Hinweis darauf sind, dass das Kind zusätzliche Unterstützung benötigt.
Für Eltern, die nicht im angelsächsischen Bildungssystem aufgewachsen sind, kann dieser Moment überraschend verwirrend sein. Einzelne Punkte aus Tests oder Aufgaben sagen nämlich wenig aus, wenn man ihre Gewichtung innerhalb des Continuous Assessment und ihren Einfluss auf den späteren Global Mark nicht kennt.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass es nicht nur um die Zahlen in den Schulberichten geht. Genauso wichtig ist die Art, wie Lehrkräfte über die schulischen Leistungen eines Kindes sprechen – und wie Eltern diese Aussagen interpretieren.
Für Eltern, die mit dem angelsächsischen Kommunikationsstil aufgewachsen sind, ist eine solche Sprache völlig normal und ihre Bedeutung klar verständlich. Für Eltern aus anderen kulturellen Hintergründen ist es dagegen oft deutlich schwieriger, diese Hinweise richtig einzuordnen – insbesondere dann, wenn sie aus einem Umfeld kommen, in dem Direktheit und eine klare Benennung von Problemen selbstverständlich sind. Die englische Kommunikationskultur ist häufig indirekter und vermeidet offene Aussagen über Schwächen eines Kindes.
Deshalb verlaufen Gespräche bei Elternsprechtagen oft sehr diplomatisch. Lehrkräfte wählen vorsichtige Formulierungen und verpacken Kritik möglichst behutsam. Zunächst wird meist hervorgehoben, was das Kind gut macht, und erst später folgen dezente Hinweise darauf, dass bestimmte Bereiche mehr Aufmerksamkeit oder Übung benötigen. Eltern können dadurch mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass eigentlich alles in Ordnung sei, und erst später erkennen, dass hier unterschiedliche Kommunikationskulturen aufeinandertreffen.
Umso größer ist manchmal die Überraschung, wenn später im Schulbericht steht, dass eine Schülerin oder ein Schüler die Passing Mark nicht erreicht hat.
Für viele Eltern kann ein solcher Moment frustrierend sein. Während des Gesprächs hat die Lehrkraft betont, dass das Kind freundlich ist, sich bemüht und gut mitarbeitet. Der spätere Schulbericht scheint diesem Eindruck auf den ersten Blick jedoch zu widersprechen. Tatsächlich handelt es sich häufig lediglich um einen Unterschied in der Kommunikationsweise. Kritik wird eher indirekt formuliert – als Empfehlung oder als Hinweis auf Entwicklungspotenzial.
Für Menschen, die in einer solchen Kultur aufgewachsen sind, ist das völlig normal. Für Eltern aus anderen sprachlichen und kulturellen Hintergründen kann es jedoch so wirken, als wolle man unangenehme Informationen über die schulischen Leistungen des Kindes nicht offen aussprechen.
Paradoxerweise entstehen dadurch manchmal Missverständnisse. Eltern erwarten eine klare Aussage, um zu wissen, ob sie ihr Kind zu Hause stärker unterstützen oder gegebenenfalls Nachhilfe organisieren sollten. Die Lehrkraft wiederum versucht, rücksichtsvoll zu sein und weder das Kind negativ zu bewerten noch die Eltern unnötig zu beunruhigen.
Die Erwartungen der Eltern und die Art, wie Lehrkräfte Informationen über die schulischen Leistungen eines Kindes vermitteln, treffen deshalb nicht immer vollständig aufeinander. Am Ende sprechen beide Seiten höflich miteinander – manchmal jedoch ein wenig aneinander vorbei.
Dabei wissen die meisten Eltern sehr gut, dass kein Kind als Genie geboren wird. Jeder hat Fächer oder Themen, die ihm schwerer fallen. Mal sind es Brüche, mal Rechtschreibung, Sprachen oder Musik. Wenn ein Problem offen angesprochen wird, bedeutet das nicht, dass ein Kind „schlecht“ ist. Es bedeutet lediglich, dass es mehr Unterstützung, Übung oder manchmal auch Nachhilfe benötigt.
Genauso wichtig ist jedoch die Erkenntnis, dass auch der umgekehrte Kommunikationsstil überraschend wirken kann. Direkte Fragen, die für viele Eltern völlig normal sind, können im englischsprachigen Umfeld als sehr direkt empfunden werden. Was die eine Person als Offenheit versteht, nimmt die andere möglicherweise als mangelnde Diplomatie wahr.
Letztlich geht es also nicht darum, wer recht hat. Vielmehr treffen im Schulsystem zwei unterschiedliche Kommunikationskulturen aufeinander. Eltern, die nicht selbst darin aufgewachsen sind, müssen lernen, nicht nur Schulberichte zu lesen, sondern manchmal auch die Sprache zwischen den Zeilen zu verstehen.
Wie man die diplomatische Sprache von Lehrkräften richtig versteht
Im maltesischen Schulsystem begegnet man häufig Formulierungen wie:
- needs to…
- could benefit from…
- would improve with…
Diese Formulierungen haben eines gemeinsam: Kritik wird als Empfehlung formuliert und nicht als direkte Bewertung.
| Was die Lehrkraft sagt | Was damit tatsächlich gemeint sein könnte |
|---|---|
| Needs to improve focus | Das Kind passt im Unterricht nicht ausreichend auf |
| Could benefit from more practice | Es sollte mehr üben |
| Has potential | Die Leistungen sind derzeit noch schwächer als möglich |
| Needs to participate more | Es beteiligt sich im Unterricht nur wenig |
| Would benefit from revision at home | Es sollte zu Hause mehr lernen und wiederholen |
| Needs to build confidence | Es hat Schwierigkeiten mit dem behandelten Stoff |
| Is progressing but needs more effort | Es gibt Fortschritte, aber die bisherige Leistung reicht noch nicht aus |
| Is capable but inconsistent | Das Kind kann es, arbeitet aber unregelmäßig oder gibt Aufgaben nicht zuverlässig ab |
| Needs to organise work better | Es vergisst Aufgaben oder gibt sie verspätet ab |
| Needs to work more independently | Es wartet häufig auf Hilfe oder Anweisungen |
| Can be easily distracted | Es lässt sich leicht von Mitschülern ablenken |
| Shows enthusiasm but needs to focus | Das Thema interessiert das Kind, aber die Arbeit erfolgt nicht systematisch |
| Could achieve more with greater effort | Die Leistungen entsprechen derzeit nicht den tatsächlichen Fähigkeiten |
| Quiet in class | Es meldet sich selten oder beteiligt sich kaum an Aktivitäten |
| Needs to revise regularly | Es lernt den Stoff meist erst kurz vor Tests |
| Needs to consolidate basic concepts | Es versteht die Grundlagen des Themas noch nicht ausreichend |
| Needs to show more commitment | Es investiert nicht genug Einsatz in die Arbeit |
| Work needs to be more consistent | Manchmal arbeitet es gut, manchmal gar nicht |
| Needs to take greater responsibility for learning | Es sollte selbstständiger lernen |
| Needs to complete work on time | Aufgaben werden häufig verspätet abgegeben |
| Needs to pay attention to instructions | Es befolgt Anweisungen oder Aufgabenstellungen nicht vollständig |
| Needs to practise exam technique | In Prüfungen gehen Punkte durch die Art der Antworten verloren |
| Needs to improve written expression | Antworten sind nicht klar oder strukturiert genug |
| Needs to prepare better for assessments | Es ist auf Tests nicht ausreichend vorbereitet |
| Needs to participate more actively | Es beteiligt sich nur sehr wenig am Unterricht |
| Needs to maintain focus throughout the lesson | Zu Beginn arbeitet es gut, verliert aber später die Konzentration |
Warum es wichtig ist, diese Formulierungen zu verstehen
Die diplomatische Sprache von Lehrkräften soll Eltern nicht verwirren. Sie ist vielmehr eine Möglichkeit, Probleme sensibler anzusprechen. Für Eltern, die an diesen Kommunikationsstil nicht gewöhnt sind, kann es jedoch schwierig sein einzuschätzen, wie ernst eine Situation tatsächlich ist.
Bei Elternsprechtagen erhält man oft nur einzelne Informationen. Eine Lehrkraft erwähnt beispielsweise, dass ein Kind im Coursework 11 von 20 Punkten erreicht hat, in einem Projekt 15 von 39 Punkten und dass dies Teil des Continuous Assessment ist. Ohne den nötigen Kontext lassen sich solche Angaben jedoch nur schwer richtig einordnen. Eltern wissen nicht, welche Gewichtung die einzelnen Bestandteile haben, wie viel Prozent der Gesamtnote aus dem laufenden Assessment stammen und wie nah das Kind tatsächlich an der Passing Mark liegt.
Kommt dann noch der diplomatische Ton des Gesprächs hinzu, entsteht leicht eine merkwürdige Situation: Eltern verlassen das Gespräch mit einigen Zahlen und einigen höflichen Formulierungen, aber ohne eine klare Antwort auf die wichtigste Frage – ob alles in Ordnung ist oder ob zu Hause mehr Unterstützung nötig wäre.
So kommt es manchmal vor, dass das tatsächliche Bild erst sichtbar wird, wenn der endgültige Schulbericht eintrifft und alle Bestandteile der Bewertung in den Global Mark einfließen. Erst dann zeigt sich, wie die Leistungen einer Schülerin oder eines Schülers über das gesamte Schuljahr hinweg wirklich waren.
Vielleicht ist genau deshalb für Eltern besonders wichtig, zwei Dinge gleichzeitig zu lernen: die Zahlen in Schulberichten zu verstehen und zugleich die diplomatische Sprache von Lehrkräften zwischen den Zeilen lesen zu können. Erst die Kombination aus beidem vermittelt ein realistisches Bild davon, wie sich ein Kind in der Schule entwickelt.
Welche Fragen Eltern Lehrkräften stellen können
Wenn Sie ein Gespräch mit einem klareren Bild über die tatsächlichen Leistungen Ihres Kindes verlassen möchten, hilft es oft, die Fragen etwas anders zu formulieren. Statt allgemeiner Fragen ist es meist sinnvoller, nach konkreten Vergleichen mit dem Klassendurchschnitt oder nach Empfehlungen für bestimmte Fächer und Themenbereiche zu fragen.
Manche Empfehlungen von Lehrkräften klingen nämlich vernünftig, helfen im Alltag aber nur begrenzt weiter. Ich erhielt beispielsweise einmal den Rat, dass Mitschüler häufiger Maltesisch mit meinem Kind sprechen sollten, damit es die Sprache besser üben könne. Auf den ersten Blick klingt das sehr sinnvoll. Das Problem ist jedoch, dass Kinder in einem Umfeld, in dem sie untereinander ganz selbstverständlich Englisch sprechen, kaum dazu zu bewegen sind, plötzlich mit nur einem Kind eine andere Sprache zu verwenden.
Zum Beispiel:
- Is my child currently working above, around, or below the class average?
(Liegt mein Kind derzeit über, im Bereich oder unter dem Klassendurchschnitt?) - Do you think extra practice or tutoring would be useful at this stage?
(Wären zusätzliche Übungen oder Nachhilfe in dieser Phase sinnvoll?) - Which specific areas should we focus on at home?
(Auf welche konkreten Bereiche sollten wir uns zu Hause konzentrieren?) - Is my child currently on track to pass the subject at the end of the year?
(Ist mein Kind derzeit auf einem guten Weg, das Fach am Ende des Schuljahres zu bestehen?) - What would a stronger result look like in the next assessment?
(Wie würde ein besseres Ergebnis bei der nächsten Prüfung oder Aufgabe aussehen?)
Diese Fragen haben einen entscheidenden Vorteil: Sie führen häufig zu konkreteren Antworten. Statt allgemeiner Aussagen wie „Ihr Kind hat Potenzial“ oder „Es könnte etwas mehr üben“ wird das Gespräch eher auf die Punkte gelenkt, die tatsächlich verbessert werden sollten.
Je besser Eltern verstehen, wie Lehrkräfte kommunizieren und wie das Bewertungssystem funktioniert, desto leichter fällt es ihnen, Schulberichte, Elternsprechtage und Rückmeldungen richtig einzuordnen. Oft geht es dabei nicht nur um die erreichten Punkte, sondern auch darum, die Bedeutung hinter den Formulierungen zu erkennen.
Wer sowohl die Zahlen als auch die Sprache dahinter versteht, kann deutlich besser einschätzen, wann zusätzliche Unterstützung sinnvoll ist und wann kleinere Schwächen einfach Teil des normalen Lernprozesses sind.
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