Eine Gruppe von vier maltesischen Frauen in der traditionellen Kleidung der Għonnella, aufgenommen im öffentlichen Raum Maltas zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
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Għonnella (Faldetta): Das Alltagskleid, das das Leben der Frauen auf Malta prägte

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Die Għonnella (gesprochen o-NEL-la), manchmal auch als Faldetta bezeichnet, war auf Malta weder ein folkloristisches Kostüm noch ein außergewöhnliches zeremonielles Gewand. Über viele Jahrhunderte hinweg gehörte sie selbstverständlich zur weiblichen Alltagskleidung im öffentlichen Raum.

Frauen trugen sie selbstverständlich, ohne bewusste symbolische Absicht. Gerade diese Selbstverständlichkeit ist der Schlüssel zu ihrem Verständnis – und zugleich der Grund, warum es sinnvoll ist, über die Għonnella in erster Linie als funktionales Kleidungsstück zu sprechen.

Die ältesten verlässlichen Erwähnungen der Għonnella stammen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts (etwa um 1660). Zu diesem Zeitpunkt erscheint sie bereits als fest etablierter Bestandteil weiblicher Kleidung, nicht als Neuerung.

Das deutet darauf hin, dass ihre Verbreitung früher eingesetzt haben muss, wahrscheinlich im Verlauf des 16. Jahrhunderts, als sich unter der Herrschaft des Johanniterordens die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse auf Malta stabilisierten.

Vom 17. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts existiert eine kontinuierliche Reihe visueller und schriftlicher Quellen, die bestätigen, dass die Għonnella über Regionen und soziale Schichten hinweg die Norm war.

Woher stammt die Għonnella? Mediterraner und sizilianischer Kontext

Die Għonnella entstand nicht isoliert. Malta war über Jahrhunderte hinweg kulturell und kirchlich eng mit Sizilien und Süditalien verbunden, und genau dort finden sich die nächsten Parallelen. Auf Sizilien wurden bis in die frühe Neuzeit hinein weibliche Umhänge vom Typ mantello oder manto getragen, meist in dunklen Farben, kombiniert mit einer Bedeckung von Kopf und mitunter auch Gesicht.

Diese Kleidungsstücke erfüllten eine ähnliche gesellschaftliche Funktion wie die Għonnella – sie verhüllten den weiblichen Körper im öffentlichen Raum als Zeichen sozialen Status und entsprachen katholischen Vorstellungen von Anstand und Schamhaftigkeit.

Der Unterschied zwischen den sizilianischen Gewändern und der maltesischen Għonnella ist jedoch grundlegend. Die sizilianischen Varianten mantello / manto waren überwiegend weich, basierten auf Textillagen und Schleiern.

Die maltesische Għonnella entwickelte sich dagegen zu einem konstruktiv spezifischen Kleidungsstück mit einer verstärkten, gestärkten oberen Partie, die einen festen Bogen um den Kopf bildete. Genau dieses konstruktive Element macht sie zu einer einzigartigen lokalen Anpassung.

Es ist daher treffender, die Għonnella als lokale Weiterentwicklung eines bekannten Typs weiblichen Umhangs zu verstehen, angepasst an die spezifischen Bedingungen des maltesischen Inselraums.

Wie war die Għonnella aufgebaut? Konstruktion, Materialien und Form

Aus technischer Sicht war die Għonnella keineswegs nur ein Stück Stoff. Der obere Teil wurde in der Regel mit Schilf, Weidenruten oder einem anderen festen Material verstärkt und stark gestärkt, damit er seine Form hielt. Dieser Bogen rahmte den Kopf und schuf eine feste Struktur, während der untere Teil des Gewands locker über Schultern und Rücken fiel, oft bis zu den Knien.

Illustrative Zeichnung der traditionellen maltesischen Għonnella, die den Aufbau des Kleidungsstücks und die Art des Tragens zeigt.

Als Materialien wurden vor allem Baumwolle und Seide verwendet. Der Unterschied zwischen ärmeren und wohlhabenderen Frauen zeigte sich nicht in der Form selbst, sondern in der Qualität des Stoffes, der Feinheit der Verarbeitung und mitunter auch in Farbvarianten. Schwarz setzte sich nach und nach als dominante Farbe durch und ist im kollektiven Gedächtnis so stark mit der Għonnella verbunden, dass sie heute beinahe untrennbar erscheint.

Wie trugen Frauen die Għonnella im Alltag?

Im katholisch geprägten Umfeld Maltas war die weibliche Präsenz im öffentlichen Raum an klare Vorstellungen von Bescheidenheit gebunden. Die Bedeckung von Haaren und Körper wurde nicht als Einschränkung wahrgenommen, sondern als selbstverständlicher Bestandteil gesellschaftlichen Verhaltens und Status.

Die Għonnella erfüllte diese Norm eindeutig und sichtbar. Sie war weder kirchliche Uniform noch rechtliche Pflicht, sondern Ausdruck einer starken sozialen Erwartung.

Eine Frau ohne Għonnella galt nicht zwangsläufig als unmoralisch, aber als weniger geschützt durch den gesellschaftlichen Rahmen. Im öffentlichen Raum – auf der Straße, auf dem Markt, in der Stadt oder in der Kirche – wäre sie ohne dieses Gewand aufgefallen, was ganz natürlich unerwünschte Aufmerksamkeit und Gerüchte nach sich gezogen hätte.

Im häuslichen Umfeld, im Hof oder unter Frauen wurde die Għonnella nicht getragen, da es sich um privaten Raum handelte. Bei Feldarbeit oder anderen körperlich anstrengenden Tätigkeiten wurde sie aus rein praktischen Gründen abgelegt.

Zugleich bot das Kleidungsstück ein gewisses Maß an Kontrolle über Sichtbarkeit. Das Gesicht war nicht verhüllt, sondern gerahmt. Der Stoff konnte zu einer Seite gezogen werden, um Schatten zu erzeugen oder den direkten Blick zu begrenzen. Zeitgenössische Beschreibungen erwähnen wiederholt, dass Frauen oft mit nur einem Auge nach außen blickten, während ein Teil des Gesichts im Stofffalz verborgen blieb. Es ging nicht um Anonymität im modernen Sinne, sondern um eine bewusste Regulierung des Blicks mit klarer sozialer Bedeutung.

Nicht weniger wichtig war das Verhältnis des Gewands zu Körper und Klima. Der verstärkte Bogen über dem Kopf fungierte als Schattenspender gegen die intensive mediterrane Sonne. Gleichzeitig fing er Luftströmungen ein, was in den heißen und feuchten Sommern einen kühlenden Effekt erzeugte. Bei kühlerem Wetter konnte der Stoff näher an Gesicht und Körper gezogen werden und schützte so vor Wind und Feuchtigkeit. Ein einziges Kleidungsstück erfüllte damit mehrere Funktionen zugleich: es spendete Schatten, schützte, isolierte und entsprach zugleich den gesellschaftlichen Normen.

Die Art des Tragens war aktiv. Frauen hielten beim Gehen häufig eine Ecke oder Seite des Gewands mit der Hand fest, um seine Bewegung bei Wind, auf Treppen oder in engen Gassen zu kontrollieren. Die Għonnella war kein passiver Schleier, sondern ein Kleidungsstück, mit dem man arbeiten musste.

Warum trugen Frauen auf Malta die Għonnella?

Aus heutiger Perspektive ist es leicht, die Għonnella als Einschränkung oder als Symbol patriarchaler Kontrolle zu sehen. Für Frauen der frühen Neuzeit stellte sich die Realität jedoch anders dar. Das Kleidungsstück wurde nicht als Wahl zwischen Freiheit und Unfreiheit wahrgenommen, sondern als Teil einer sozialen Ordnung, die für alle lesbar und vorhersehbar war.

In einer Gesellschaft, in der der Ruf einer Frau direkte Auswirkungen auf die Ehre der gesamten Familie hatte, bot eine klar definierte Kleidungsnorm eine Form von Schutz. Eine Frau in der Għonnella musste ihre „Anständigkeit“ nicht durch Verhalten beweisen – das Gewand deklarierte sie sofort. Das bedeutete weniger soziales Risiko, weniger Erklärungsbedarf und geringere Anfälligkeit für Gerüchte. Die Akzeptanz dieses Kleidungsstücks war daher keine passive Unterordnung, sondern eine Anpassung an ein Umfeld, in dem es sicherer war, lesbar zu sein als herauszustechen.

Warum setzte sich europäische Damenmode auf Malta so spät durch?

Einer der zentralen Gründe, warum sich die weibliche Mode des kontinentalen Europas auf Malta nur sehr langsam durchsetzte, liegt in der sozialen Asymmetrie zwischen Männern und Frauen. Männer – insbesondere jene, die mit dem Johanniterorden, dem Handel oder der Verwaltung in Kontakt standen – übernahmen europäische Mode relativ schnell. Für Frauen stellte sich die Situation jedoch anders dar.

Die europäische Mode des 17. bis 19. Jahrhunderts war eng mit höfischen und bürgerlichen Milieus verbunden, in denen weibliche Sichtbarkeit anders funktionierte als in kleinen, stark kontrollierten Gemeinschaften. Freiere Frisuren, Hüte, Korsetts oder körperbetonte Schnitte waren nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern trugen soziale Bedeutungen, die auf Malta schlicht nicht funktionierten.

Europäische Damenmode setzte sich auf Malta nicht deshalb langsam durch, weil die Insel außerhalb kultureller Strömungen gestanden hätte, sondern weil hier das Umfeld fehlte, in dem sie ihre gesellschaftliche Funktion hätte erfüllen können. Malta besaß weder einen königlichen Hof noch eine öffentlich aktive weibliche Aristokratie, die den Ton angegeben und Druck von oben erzeugt hätte. Ebenso fehlte ein breiter Kreis von Schneidersalons, die europäische Modetrends systematisch verfolgt und weitergegeben hätten.

Der Johanniterorden stellte eine männliche Elite ohne familiären Hintergrund und ohne weiblichen Repräsentationsraum dar. Die europäische Mode, geprägt von höfischer und bürgerlicher Kultur, hatte somit niemandem zu dienen und nichts zu signalisieren.

Wer trug die Għonnella: Mädchen oder erst verheiratete Frauen?

Aus den verfügbaren Quellen geht hervor, dass die voll ausgeprägte Form der Għonnella vor allem mit dem Erwachsensein und der Ehe verbunden war, nicht mit der Kindheit. Junge Mädchen und Heranwachsende trugen einfachere Kopfbedeckungen – Tücher, Überwürfe oder leichtere Umhänge –, jedoch nicht die vollständig konstruierte Għonnella in der Form, wie wir sie aus der Ikonografie des 18. und 19. Jahrhunderts kennen.

Dieser Übergang war nicht nur eine Frage des Alters, sondern des sozialen Status. Eine verheiratete Frau repräsentierte die Familie im öffentlichen Raum. Ihr Erscheinungsbild wurde als Verlängerung der Ehre des Ehemanns und des Haushalts gelesen. Die Annahme der Għonnella war daher Teil des Eintritts in eine neue Rolle – ähnlich wie andere sichtbare Zeichen des Erwachsenseins in traditionellen Gesellschaften.

Das erklärt zugleich, warum sich das Kleidungsstück so stabil hielt: Es war kein modisches Accessoire, sondern Bestandteil des Lebens- und Sozialstatus einer Frau.

Warum bedeckten Frauen in Europa früher ihre Haare?

Die Bedeckung weiblicher Haare gehört zu den ältesten und weitverbreitetsten gesellschaftlichen Markierungen in der europäischen Geschichte. Es handelt sich weder um einen Brauch, der an eine einzelne Religion gebunden ist, noch um eine regionale Besonderheit, sondern um einen kulturellen Mechanismus, der über Jahrhunderte hinweg in ganz Europa und im weiteren mediterranen Raum auftauchte.

Bereits im antiken Griechenland und Rom wurde zwischen unverheirateten und verheirateten Frauen unter anderem durch Erscheinungsbild und Haartracht unterschieden. Haare galten nicht nur als ästhetisches Element, sondern als Symbol weiblicher Sexualität, Fruchtbarkeit und körperlicher Anziehung.

In vielen vormodernen Gesellschaften – von der Antike über Teile spätantiker und frühmittelalterlicher Rechtstraditionen bis hin zum weiteren mediterranen und nahöstlichen Raum – war die Bedeckung des Kopfes mitunter auch mit Status und „Ehre“ der Familie verknüpft.

In diesem Kontext war das Bedecken der Haare mit freien und verheirateten Frauen verbunden, die unter dem Schutz der Familie oder der Ehe lebten, während andere Frauengruppen über eine solche symbolische Abgrenzung nicht verfügten oder ihr nicht in gleicher Weise unterlagen – ein Beispiel dafür sind Sklavinnen.

Es handelte sich nicht um eine universelle Regel über alle Kulturen hinweg, sondern um einen der wiederkehrenden Mechanismen, mit denen Gesellschaften die weibliche Rolle und den Status visuell markierten.

Im mittelalterlichen Europa verfestigte sich diese Unterscheidung weiter. Die Bedeckung der Haare wurde für verheiratete Frauen in katholischen Regionen unabhängig von lokalem Brauchtum oder konkreter Kleidungsform zur Norm. Hauben, Hüte, Tücher, italienische Schleier oder iberische Mantillas folgten demselben Prinzip: den ehelichen Status einer Frau öffentlich und eindeutig zu kennzeichnen.

Verschiedene Formen der Haarbedeckung in Europa – von Tüchern und Hauben bis zu Schleiern – unterschieden sich in Form und Material, erfüllten jedoch dieselbe gesellschaftliche Funktion.
Verschiedene Formen der Haarbedeckung in Europa – von Tüchern und Hauben bis zu Schleiern – unterschieden sich in Form und Material, erfüllten jedoch dieselbe gesellschaftliche Funktion.

Dasselbe Prinzip lässt sich auch bei Ordensfrauen und Nonnen beobachten, bei denen die Haarbedeckung bis zur Konsequenz gesteigert ist. Hier geht es nicht um den ehelichen Status, sondern um den bewussten Rückzug aus der weltlichen Ordnung von Ehe und Sexualität.

In diesem weiteren Zusammenhang ist auch die maltesische Għonnella zu verorten. Sie ist kein religiöses Symbol und kein Import arabischer Kultur, sondern eine lokale Ausprägung einer europäischen Tradition.

Hat die Għonnella etwas mit dem Islam zu tun?

Vergleiche der Għonnella mit islamischer Verschleierung sind verbreitet, historisch jedoch unzutreffend. Die kulturelle Logik dieses Kleidungsstücks ist christlich, nicht islamisch.

Die Bedeckung des weiblichen Kopfes war im christlichen Europa über Jahrhunderte hinweg Norm. Der Apostel Paulus spricht ausdrücklich von der Verschleierung der Frau beim Gebet, und bis ins 20. Jahrhundert galt in katholischen Milieus das Bedecken der Haare als selbstverständlich. Ordensfrauen trugen (und tragen) den Schleier als Zeichen von Bescheidenheit, Abgrenzung von der Welt und moralischer Integrität.

Die Ähnlichkeit mit dem Ordensschleier ist daher weder zufällig noch oberflächlich. Es handelt sich um einen gemeinsamen symbolischen Rahmen, der auf Malta tief verankert war. Das Kleidungsstück signalisierte, dass eine Frau christliche Werte und die gesellschaftliche Ordnung respektierte. Genau deshalb war es weithin akzeptiert und eindeutig lesbar – nicht nur für Frauen selbst, sondern für die Gemeinschaft als Ganzes.

Warum verschwand die Għonnella im 20. Jahrhundert?

Die lange Existenz der Għonnella lässt sich ohne Legenden erklären. Sie überdauerte, weil sie funktional war. Sie entsprach moralischen Normen, funktionierte im lokalen Klima, ermöglichte Frauen die Bewegung im öffentlichen Raum und ließ sich leicht zwischen Generationen weitergeben. In einer Inselgesellschaft, in der sich Gewohnheiten langsam verändern, wird eine solche Lösung zur Selbstverständlichkeit.

Der Niedergang der Għonnella im 20. Jahrhundert lässt sich daher nicht auf einen einzelnen Faktor reduzieren. Es handelte sich nicht um ein allmähliches „Verklingen“, sondern um den Zusammenbruch des gesamten Systems, das dieses Kleidungsstück über Jahrhunderte hinweg getragen hatte.

Erstens veränderte sich nach dem Ersten Weltkrieg der Alltag grundlegend. Moderne Verkehrsmittel, Arbeit außerhalb des Hauses und schrumpfende öffentliche Räume machten das voluminöse, aktiv zu tragende Gewand zu einer praktischen Belastung.

Zweitens wandelte sich die Bedeutung weiblicher Präsenz im öffentlichen Raum. Frauen waren nicht mehr primär Repräsentantinnen der Familie, sondern zunehmend eigenständige Akteurinnen – als Arbeiterinnen, Studentinnen oder Angestellte. Ein Kleidungsstück, das für eine andere Art von Sichtbarkeit entworfen worden war, passte nicht mehr zur Realität.

Drittens zerfiel nach dem Zweiten Weltkrieg die religiöse und moralische Einheit der Gesellschaft. Die Schwächung kirchlicher Autorität und der Wertewandel führten dazu, dass das Kleidungsstück seine symbolische Grundlage verlor. Ohne diesen Rahmen wurde es vor allem als unpraktisch wahrgenommen.

Und schließlich kam es zu einem Generationenbruch. Für junge Frauen, die studierten, arbeiteten und über Radio und Fernsehen Modetrends verfolgten, stellte die Għonnella keine Norm mehr dar, sondern ein Zeichen der Vergangenheit. Sobald sie nicht mehr als Selbstverständlichkeit weitergegeben wurde, zerfiel die Tradition sehr schnell.

Als die Għonnella aus dem Straßenbild verschwand, begann sie eine andere Funktion zu erfüllen. In der kolonialen und zwischenkriegszeitlichen Epoche verfestigte sich ihre Silhouette als visuelle Repräsentation Maltas. Sie erscheint auf Postkarten, in der Ikonografie, in Museen und später im Folklorekontext. Aus einem praktischen Kleidungsstück wurde ein Symbol der maltesischen Geschichte.